Gemeinsame Spezifikationen: Der Rückfallplan der EU für DPP-Normen
Was Gemeinsame Spezifikationen sind, wann sie gelten, wie sie sich von harmonisierten Normen unterscheiden und warum sie für den DPP-Zeitplan wichtig sind.
Redaktionelle Aktualisierung, 16. Juli 2026: Die historischen Hinweise unten auf eine fehlende Amtsblattzitierung der sechs DPP-Normen sind nicht mehr aktuell. Der Durchführungsbeschluss (EU) 2026/1736 veröffentlichte ihre Fundstellen am 15. Juli; die sechs Normen geben daher eine Konformitätsvermutung, soweit sie eine Anforderung abdecken. Gemeinsame Spezifikationen bleiben für Lücken außerhalb dieses Pakets oder für nicht abgedeckte Anforderungen relevant. Vollständige Einordnung →
⚠️ Stand 22. Juli 2026: Rat und Parlament erzielten am 9. Juni 2026 eine vorläufige politische Einigung über die Omnibus-IV-Vorhaben zu Digitalisierung und gemeinsamen Spezifikationen. Die Einigung bestätigt, dass gemeinsame Spezifikationen eine außergewöhnliche Rückfalllösung bleiben sollen, wenn harmonisierte Normen fehlen oder nicht ausreichen. Verabschiedetes Recht ist dies noch nicht: Förmliche Billigung, Rechts- und Sprachprüfung sowie Annahme stehen noch aus.
Normenstand im Juli 2026: Der Beschluss (EU) 2026/1736 veröffentlichte am 15. Juli die Fundstellen zu sechs JTC-24-DPP-Normen im Amtsblatt; sie stützen nun im abgedeckten Umfang eine Konformitätsvermutung. Zwei Normen bleiben außerhalb dieses Pakets. Der Beschluss C(2025) 8024 nahm außerdem die Änderung zur Erweiterung des Normungsauftrags auf den gesamten ESPR-Geltungsbereich an; der Entwurf vom September 2025 ist historischer Kontext, nicht der aktuelle Rechtsstand.
Was sind Gemeinsame Spezifikationen
Im Omnibus-IV-Vorschlag wären Gemeinsame Spezifikationen (CS: Common Specifications) technische Anforderungen, die von der Europäischen Kommission als Durchführungsrechtsakte erlassen würden, wenn harmonisierte Normen keinen praktikablen Weg bieten. Sie sollen einen rechtlich anerkannten Weg zum Nachweis der Konformität mit EU-Produktrecht schaffen, ähnlich der Rolle, die harmonisierte europäische Normen (hEN) heute spielen.
Der Mechanismus ist im EU-Recht nicht neu. Er existiert bereits in einigen sektoralen Verordnungen (z. B. Medizinprodukte, zivile Drohnen). Neu ist der Vorschlag, ihn durch das Omnibus IV-Paket, Kommissionsvorschlag COM(2025) 504 (vom Rat als ST 7242 2026 INIT registriert), systematisch in der gesamten Produktgesetzgebung einzuführen.
Warum dieser Mechanismus existiert
Der reguläre europäische Normungsprozess funktioniert so:
- Die Europäische Kommission erteilt einen Normungsauftrag an CEN, CENELEC oder ETSI.
- Die Europäischen Normungsorganisationen (ESOs) erarbeiten Entwürfe harmonisierter Normen.
- Nach öffentlicher Anhörung und formaler Abstimmung werden die Normen veröffentlicht.
- Die Kommission zitiert die Normen im Amtsblatt der EU (OJEU).
- Ab dem Datum der Zitierung geben die Normen eine Konformitätsvermutung.
Dieser Prozess dauert. Laut Daten des Strukturierten Dialogs der IMCO-Kommission vom 26. März 2026 beträgt die durchschnittliche Dauer vom Normungsauftrag bis zur Zitierung im OJEU 6,1 Jahre. Für Normen auf Basis internationaler Referenzen (ISO/IEC) dauert allein die Ausarbeitung durchschnittlich 4,4 Jahre.
Gemeinsame Spezifikationen adressieren ein spezifisches Versagensmuster: Was passiert, wenn der Normungsprozess nicht rechtzeitig liefert?
Ohne CS stehen Unternehmen vor einer Lücke: Die Verordnung verlangt Konformität, aber die technischen Normen zum Nachweis dieser Konformität existieren noch nicht. In dieser Lücke überinvestieren Unternehmen in maßgeschneiderte Lösungen, unterinvestieren und hoffen auf das Beste, oder warten, all dies erzeugt Unsicherheit.
Wann Gemeinsame Spezifikationen gelten
Im Omnibus-IV-Vorschlag würden CS als Rückfall- oder Letztmittel verstanden, wenn harmonisierte Normen keinen nutzbaren Konformitätsweg bieten. Die vorläufige Einigung bestätigt diesen Grundsatz für Fälle, in denen harmonisierte Normen fehlen oder nicht ausreichen. Die endgültige Auslöseformel ist dem förmlich angenommenen und rechtlich geprüften Text zu entnehmen, sobald er veröffentlicht ist.
| Situation im Text | Praktische Bedeutung |
|---|---|
| Keine rechtzeitig nutzbare harmonisierte Norm | Keine im OJEU zitierte Norm deckt die Anforderung ab, oder eine solche Referenz ist nicht früh genug zu erwarten, um die Konformität zu stützen |
| Normen lösen das Konformitätsproblem nicht ausreichend | Die Anwendung der veröffentlichten Norm lässt weiterhin eine regulatorische Lücke oder ein Nichtkonformitätsproblem bestehen |
| Außergewöhnlicher Rückfall statt Routineweg | CS werden als letztes Mittel beschrieben, nicht als neuer Standardpfad für technische Produktregeln |
Im Vorschlag sollten CS daher vor allem als Rückfalllösung, nicht als Ersatz verstanden werden. Der Normungsauftrag bleibt der Hauptpfad.
Wie sich CS von harmonisierten Normen unterscheiden
Auf hoher Ebene sähe der Vergleich so aus, wenn der Omnibus-IV-Ansatz verabschiedet wird:
| Aspekt | Harmonisierte Normen (hEN) | Gemeinsame Spezifikationen (CS) |
|---|---|---|
| Wer sie erarbeitet | CEN, CENELEC, ETSI (unabhängige Organisationen) | Europäische Kommission (mit Expertenbeiträgen) |
| Rechtsgrundlage | Zitierung im OJEU nach ESO-Verabschiedung | Verabschiedung als Durchführungsrechtsakte |
| Konformitätswirkung | Konformitätsvermutung nach OJEU-Zitierung | Soll bei Annahme einen vergleichbaren anerkannten Konformitätsweg schaffen |
| Freiwillig | Ja: Unternehmen können alternative Konformitätswege wählen | Ja: dasselbe Prinzip gilt |
| Revisionszyklus | Von ESOs verwaltet | Von der Kommission verwaltet |
| Branchenbeteiligung | Durch nationale Spiegelkomitees | Durch Expertengruppen und Konsultation |
Der zentrale praktische Unterschied ist institutionell: harmonisierte Normen werden bottom-up erarbeitet (Branchenexperten erarbeiten, stimmen ab und veröffentlichen), während CS top-down entwickelt würden (Kommission erarbeitet, konsultiert und verabschiedet). Im Vorschlag sollen beide Wege einen anerkannten Konformitätsweg stützen.
Sicherungen in der vorläufigen Einigung
Omnibus IV ist noch kein verabschiedetes Recht. Die vorläufige Einigung bestätigt jedoch bereits mehrere Begrenzungen, die eine Übernutzung des CS-Mechanismus verhindern sollen:
- Letztmittel-Charakter: CS werden als außergewöhnliches Instrument, nicht als Routineabkürzung beschrieben
- Einbindung von Expertengruppen: in den Arbeitsentwürfen liegt der Schwerpunkt auf der technischen Vorbereitung unter Beteiligung von Fachleuten und Interessenträgern
- Mehr Verfahrenstransparenz: die Institutionen diskutieren eine engere Sichtbarkeit des Entwurfs- und Annahmeprozesses
- Endgültiger Rechtstext steht noch aus: Die politische Richtung ist vereinbart, der rechtlich und sprachlich geprüfte Text muss aber noch gebilligt und angenommen werden
Warum das für den DPP wichtig ist
Der Zusammenhang zwischen CS und dem Digitalen Produktpass ist direkt:
Die aktuelle Normenlücke
CEN/CENELEC JTC 24 ist das gemeinsame technische Komitee für horizontale DPP-Normen, also für Normen, die beschreiben, wie die Pass-Infrastruktur funktionieren soll, nicht welche Datenfelder ein sektorspezifischer Pass enthalten muss.
Diese Einordnung wurde gegen folgende Quellenebenen geprüft:
- C(2024)5423 vom 31. Juli 2024: der angenommene Normungsauftrag an CEN, CENELEC und ETSI; ursprünglich auf den Batteriepass beschränkt.
- Beschluss C(2025) 8024: nahm die Änderung an, die den Auftrag über den ursprünglichen Batterie-Geltungsbereich hinaus erweitert. Der Entwurf vom 23. September 2025 ist nützliche Historie, nicht der aktuelle Status.
- Beschluss (EU) 2026/1736 und die CEN/CENELEC-JTC-24-Standarddatenbank: der Beschluss zitiert sechs Normen im Amtsblatt; die Datenbank zeigt zwei weitere Normen noch in Arbeit.
Die folgende Tabelle ordnet dasselbe Paket dem inzwischen in der CEN/CENELEC-JTC-24-Standarddatenbank sichtbaren EN-Veröffentlichungsstatus zu.
| Öffentlich bestätigter Status | Umfang laut Kommissionsantwort | Was das im DPP regelt |
|---|---|---|
| Veröffentlicht EN 18219:2026 | Eindeutige Identifikatoren | Wie Produkt, Wirtschaftsakteur und Passdatensatz eindeutig identifiziert werden |
| Veröffentlicht EN 18220:2026 | Datenträger und Verknüpfungen zwischen physischem Produkt und digitaler Darstellung | Wie ein Code, Label oder anderer Träger zum richtigen Pass führt |
| Veröffentlicht EN 18223:2026 | Technische, semantische und organisatorische Interoperabilität | Wie unterschiedliche Systeme Daten, Rollen und Prozesse gleich verstehen |
| Veröffentlicht EN 18216:2026 | Datenaustauschprotokoll, Datenverarbeitung und Datenformate | Wie Daten übertragen, gelesen und strukturiert werden |
| Veröffentlicht EN 18221:2026 | Datenspeicherung, Archivierung und Datenpersistenz | Wie die Verfügbarkeit des Passes über den Produktlebenszyklus erhalten bleibt |
| Veröffentlicht EN 18222:2026 | APIs für Pass-Lebenszyklusmanagement und Auffindbarkeit | Wie Systeme Passdatensätze erstellen, aktualisieren, finden und betreiben |
| FprEN 18239 / FprEN 18246 ausstehend | Zugriffsrechtemanagement, Informationssystemsicherheit und geschäftliche Vertraulichkeit; Datenauthentifizierung, Zuverlässigkeit und Integrität | Die zwei verbleibenden Normen des Pakets sind noch keine veröffentlichten EN-Normen. WI JT024009 zu Dictionary Referencing ist ein zusätzlicher JTC-24-Arbeitspunkt. |
Die sechs zitierten Normen haben nun sowohl die EN-Veröffentlichung als auch die Amtsblatt-Fundstelle erreicht. Stand 18. Juli 2026:
- Sechs horizontale DPP-Normen sind formal als EN-Normen veröffentlicht und im Amtsblatt zitiert und geben im abgedeckten Umfang eine Konformitätsvermutung
- Zwei Normen bleiben ausstehend: FprEN 18239 zu Zugriffsrechtemanagement, Informationssystemsicherheit und geschäftlicher Vertraulichkeit sowie FprEN 18246 zu Datenauthentifizierung, Zuverlässigkeit und Integrität
- Zusätzlich sollte WI JT024009 zu Dictionary Referencing in JTC 24 verfolgt werden
- Die Erweiterung auf den gesamten ESPR-Geltungsbereich ist mit Beschluss C(2025) 8024 angenommen; historische Entwurfstermine dürfen nicht als aktuelle verbindliche Fristen verwendet werden
Damit besteht für die von den sechs zitierten Normen abgedeckten Bereiche nun ein horizontaler Weg mit Konformitätsvermutung; die Arbeiten zu Sicherheit, Zugriffsrechten und Datenintegrität sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Die Batteriepasspflicht wird für die von Artikel 77 erfassten Kategorien am 18. Februar 2027 anwendbar.
Was CS bieten könnten
Der CS-Mechanismus könnte der Kommission erlauben, technische Spezifikationen für verbleibende Lücken bereitzustellen, in denen harmonisierte Normen keinen nutzbaren Weg bieten, aber nur in dem Umfang und unter den Bedingungen, die im endgültigen Gesetzestext vereinbart werden.
Dies würde die Arbeit von JTC 24 nicht umgehen. Es würde eine Brücke schaffen: Unternehmen könnten früher technische Sicherheit gewinnen, und JTC-24-Normen würden CS ersetzen, sobald sie vorliegen.
Was CS nicht lösen
CS betreffen den technischen Rahmen (wie Daten strukturiert, ausgetauscht und verifiziert werden). Sie definieren nicht den Dateninhalt selbst. Welche Datenfelder ein Textil-DPP benötigt und welche CO₂-Fußabdruck-Methodik ein Batteriepass verwendet, wird in sektorspezifischen delegierten Rechtsakten festgelegt, nicht in CS.
Was Unternehmen tun sollten
-
Nicht auf endgültige Normen warten, um Daten zu strukturieren. Ob der endgültige Rahmen hENs oder CS verwendet, die Daten selbst (Zusammensetzung, Umweltnachweise, Identifikatoren, Lieferantendokumentation) bleiben dieselben.
-
Die IMCO-Diskussion beobachten. Die Sicherungsbestimmungen werden bestimmen, wie breit CS eingesetzt und wie schnell sie bereitgestellt werden können.
-
In Prioritätssektoren (Batterien, Textilien, Eisen und Stahl) die sechs zitierten Normen dort nutzen, wo sie die Anforderungen abdecken, und die verbleibenden JTC-24-Arbeiten, produktbezogenen Rechtsakte und Omnibus IV getrennt verfolgen. Der Weg über sechs Normen besteht nun; offen sind Lücken, nicht der gesamte DPP-Rahmen.
-
Bestehende interoperable Normen dort nutzen, wo sie geeignet sind. GTIN/GS1 Digital Link und ISO 14067 können in manchen Implementierungen nützliche Optionen sein, gewährleisten aber nicht automatisch die Rechtskonformität: Vor der Auswahl sind das anwendbare Produktrecht, die vorgeschriebene Berechnungsmethode und die zitierten Normen zu prüfen.
Weiterlesen
- Omnibus IV: Was der Vorschlag tatsächlich enthält und was er für den DPP bedeutet
- ESPR-DPP-Umsetzungsstatus 2026
- ESPR-Zeitplan 2026–2030
- Wer darf einen DPP betreiben? EU-Anforderungen an Dienstleister
- DPP-Datenanforderungen: Welche Daten tatsächlich benötigt werden
Offizielle Quellen
- Kommissionsvorschlag COM(2025) 504: Omnibus-IV-Verordnung zur Digitalisierung und zu gemeinsamen Spezifikationen
- Kommissionsvorschlag COM(2025) 503: Omnibus-IV-Richtlinie zur Digitalisierung und zu gemeinsamen Spezifikationen
- Vorläufige Einigung von Rat und Parlament zu Omnibus IV, 9. Juni 2026
- ESPR-Verordnung (EU) 2024/1781
- Durchführungsbeschluss (EU) 2026/1736 der Kommission: sechs harmonisierte DPP-Normen
- Antwort der Kommission an das Parlament E-000888/2026(ASW): Status der JTC-24-Normen und des DPP-Registers
- CEN-CENELEC: erste DPP-Normen und ihr Status im EU-Amtsblatt
- DG GROW Notification System: angenommene und mögliche künftige Normungsaufträge, einschließlich C(2024)5423
- DG GROW: Entwurf einer Entscheidung zur Erweiterung des DPP-Normungsauftrags, 23. September 2025
- Kommissionsseite: harmonisierte DPP-Normen und Beschluss (EU) 2026/1736
- CEN-CENELEC: Ökodesign, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von Produkten
- IMCO Strukturierter Dialog 26. März 2026: Normung
Möchten Sie jetzt mit der Strukturierung von Produktdaten beginnen? Starten Sie kostenlos auf OriginPass.eu, strukturierte Produktpässe in Minuten, nicht Monaten.